Der Schulwald der Stephanus Stiftung

Seit 2007 hat die Stephanus Stiftung einen eigenen Schulwald. Er umfasst mit 700 ha ungefähr die Fläche eines halben Forstrevieres und ist weit mehr als ein grünes Klassenzimmer. Die Stadtverordnetenversammlung, die Stadtverwaltung und die Stephanus Stiftung haben sich mit diesem Modell auf eine ganz neue, viel Vertrauen erfordernde Form der Zusammenarbeit eingelassen.
Dabei wurde die Idee 2005 aus der Not geboren. Wirtschaftliche und politische Schwierigkeiten zwangen zum Umdenken im Stadtwald und für eine naturverträgliche Waldwirtschaft mussten neue Wege gefunden werden. Dabei war das Arbeitsfeld im Herzen der Natur und direkt vor den Toren unserer Stadt überaus interessant und vielfältig. Wirklich wert, gezeigt und erklärt zu werden und wichtig für die Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft.
Und natürlich sind die Entscheidungen, die dort heute getroffen werden, von besonderer Bedeutung für künftige Generationen. Also für Kinder und Jugendliche von heute.

Was könnten denn Jugendliche und Kinder selbst im Wald leisten und was könnten sie lernen?
Wir durften diese Frage stellen und konnten sie so beantworten:
Sie könnten an allen natürlichen und betrieblichen Abläufen teilhaben und mitwirken. Davon ausgeschlossen sind nur gefährliche Forstarbeiten wie die Baumfällung oder Holzrückung.
Wenn man eine so grundsätzliche Beteiligung anstrebt, ist es besonders zielführend, die gesamte Verantwortung für einen eigenen Schulwald direkt an eine Bildungseinrichtung zu übertragen. Mit einem eigenen Förster dazu.

Den Rahmen zu diesem Projekt gibt ein Pachtvertrag zwischen der Stadt Templin und der Stephanus Stiftung. Er läuft bis 2031. Er sichert der Stadt Einnahmen aus ihrem Wald und macht es der Stephanus Stiftung möglich, für ihre Bildungsarbeit direkt und vielfältig auf diesen Grundbesitz zugreifen zu können. Zudem kann die Stephanus Stiftung die entstehenden Kosten für z.B. Fahrten, Kleidung oder Material durch ihre Waldarbeit finanzieren. Der Schulwald ist also ein Bildungsprojekt, das ohne Förderung oder andere Zuschüsse funktioniert und sich selbst finanziert.
Der Wald selbst profitiert von dieser Konstellation, denn mit Hilfe der im Laufe der Zeit über 1.000 mitwirkenden Kinder und Jugendlichen ist eine detailreiche, naturnahe Bewirtschaftung sehr gut zu machen.

Verantwortlich für die Durchführung und Koordination ist Schulförster Joachim Lange, der zu diesem Zweck mit dem Schulwald von der Stadtverwaltung an die Waldhofschule wechselte. Für seine Lehrtätigkeit erhielt er nach entsprechender Prüfung durch das Staatliche Schulamt eine unbefristete Lehrbefähigung. Und 2016 den Brandenburgischen Lehrerpreis.

„Mir ist diese Arbeit im Laufe der Zeit wirklich sehr ans Herz gewachsen. Sie hat so viele gute Verbindungen geschaffen zwischen den Dingen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Als Förster, der überzeugt ist, dass Vielfalt und Abwechslung in einem naturnahen, lebendigen Wald Grundvoraussetzungen für Stabilität und Wachstum sind, habe ich eine andere, gesellschaftliche Vielfalt an der Waldhofschule erleben dürfen. Beide ergänzen sich so gut!
Es macht Spaß, zu sehen, wie groß das Interesse am Lebendigen ist, wie einige Schüler/innen einen Besitzerstolz für ihren Wald entwickeln und wie selbstverständlich es für die allermeisten ist, dass die Bewahrung einer gesunden Umwelt wichtig für alle ist.“

Joachim Lange, Schulförster

Mit einem jährlichen Holzzuwachs von 7.500 Kubikmetern und einer jährlichen Holzerntemenge von mindestens 3.500 Kubikmetern wartet bei der Umsetzung einer naturgemäßen Waldwirtschaft einiges an Arbeit auf die Schulwäldler. Ungefähr 200.000€ werden jährlich im Schulwald umgesetzt.
Fahrschneisen, sog. Rückegassen, müssen markiert werden, die zu fällenden Bäume müssen gekennzeichnet werden. Holz und Saatgut wird verkauft, Pflanzen werden eingekauft und natürlich wird gepflanzt. Auf manche Berechnungen kann dabei nicht verzichtet werden. Was kostet eine Holzerntemaschine oder eine neue Spaltaxt?

Und es ist natürlich Rücksicht zu nehmen auf die Belange des Naturschutzes und der Erholung in der Kurstadt Templin.
Im Schulwald brütet seit vielen Jahren der Seeadler in einem uralten Waldbestand. Einige Kinder durften schon bei der Beringung der Jungvögel dabei sein. Moore und Brücher, Seen und ihre Ufer sowie wertvolles Totholz mit Pilzen und Insekten erfordern weitere Rücksichtnahme. Streuobstwiesen wurden angelegt. Für sein Engagement bekam der Schulwald 2019 den Brandenburgischen Naturschutzpreis verliehen.
Auch die Jagd spielt eine bedeutende Rolle, wenn es darum geht, nicht zu viel Wild im Wald zu haben, um die Waldverjüngung zu ermöglichen und das Wildfleisch als hochwertiges Lebensmittel zu vermarkten.
Wanderwege müssen erhalten und gepflegt werden. Unsere Besucher erwarten einen schönen Wald mit alten Bäumen.
Wirtschaften, Naturschutz und Erholung schließen sich nicht aus, aber erfordern aber ständige Kompromisse.

Dem gemeinsamen Ziel, die Nadelholzreinbestände des Schulwaldes zu einem gemischten und gestuften Wald mit wertvollem Holz umzubauen, sind alle Beteiligten schon ein gutes Stück näher gekommen. Über 800.000 Bäume wurden seit dem Beginn des Projektes schon gepflanzt.

„Der Unterricht im Schulwald umfasst ja viel mehr als nur das Arbeiten oder Lernen an frischer Luft. Es erfordert Hilfsbereitschaft und gegenseitigen Respekt. Nur im Team können wir eine gute Leistung erzielen! Wenn es kalt ist oder regnet, wenn uns die Hitze oder Mücken plagen, dann gehört auch Anstrengung dazu. Und jedes Mal, wenn wir etwas gemeinsam erreicht haben, gönnen wir uns auch Erholung oder eine kleine Belohnung. Eine gute Stimmung ist dabei ganz wichtig! Dann geht alles viel einfacher. Diese Erfahrungen sind wertvoll für das künftige Leben unserer Schüler.“
Matthias Bock, Koordinator der Berufsbildungsstufe

Für die Klassenkassen bietet sich die Waldarbeit ebenfalls an. In jedem Halbjahr können zwischen 2.000 und 5.000€ ausgezahlt werden. Ein willkommener Zuschuss für Ausflüge oder Klassenfahrten.
Die Schüler der Berufsbildungsstufe, die mehrmals ganztägig in der Woche im Wald arbeiten, finanzieren sich so selbst jedes Jahr eine einwöchige Fahrt, die meistens nach Dänemark in ein Ferienhaus führt.

Nebenbei erleben und erlernen die Kinder und Jugendlichen die Jahreszeiten oder entdecken auf eigene Faust vieles, was sich nicht planen lässt, aber trotzdem willkommen ist: eine Blindschleiche im Laub, einen Laubfrosch, der oben aus einem Baum quackt oder das der oder die Mitschülerin doch nicht so nervig ist, wie man zuvor dachte…
Auch das gemeinsame Kochen bei mehrstündigen oder ganztägigen Waldausflügen gehört natürlich dazu.

Im Grundschulbereich sind Lernfelder mit Waldbezug ausgewählt worden. Dazu gehören neben Pflanzen und Tieren auch Nahrungsketten, Holzernte und Technik oder das Thema Klimawandel am praktischen Beispiel. Die Lernfelder erstrecken sich dabei über einen Zeitraum von 2-4 Wochen und finden fachübergreifend statt. Damit soll gewährleistet werden, dass der Aufenthalt im Wald bestmöglich zur anschließenden Vertiefung und Vernetzung der Inhalte genutzt wird und das Lernen zu einem dauerhaften Wissens- und Kompetenzzuwachs führt.

Weitere Partner im Schulwald sind die beiden Kitas in der Trägerschaft der Stephanus Stiftung, die Waldhofkita und die Kita Eulennest in Templin. Im Bereich der Waldarbeit spielen die Stephanus Werkstätten für behinderte Menschen in Templin eine wichtige Rolle. Die Aufarbeitung von Brennholz, Pflanzungen oder forstliche Pflegearbeiten werden dort geleistet. Auch der Hofladen des Waldhofes und die Fleischerei Herold aus Lychen, die Wildfleisch aus dem Schulwald verarbeiten und verkaufen, sind wichtige Partner.
Weitere Partner sind seit Beginn des Projektes die Templiner Oberschule mit dem Wahlpflichtbereich Naturwissenschaften und das Templiner Gymnasium, das zu ausgewählten Themen Facharbeiten vergeben hat, die uns bei unseren Entscheidungen sehr hilfreich waren. Zum Beispiel beim Umgang mit dem Biber.

Und was ist nun für die einzelnen Schüler/innen dabei rausgekommen?

„Manche hat die Arbeit im Wald für ihr Leben sehr beeinflusst. Ein paar Schüler haben eine Ausbildung zum Forstwirt oder Baumkletterer absolviert und arbeiten heute bei der Stadt Templin oder einem Unternehmen unserer Region. Auch manchmal im Schulwald. Einige haben einen Jagdschein erworben oder auch nach der Schule nochmal ein Praktikum bei uns gemacht.
Wir sind sehr stolz, wenn es uns gelingt, auch Schüler/innen mit geistiger Behinderung eine Perspektive aufzuzeigen. Durch die Vernetzung zwischen Schule, WfbM und Fleischerei ist das möglich.
Sehr viele Schüler/innen haben Freude gehabt. Mit offenen Augen und Ohren ihre Umwelt und Mitmenschen wahrgenommen. Gestaunt, hinterfragt und begriffen. Ermutigung mitgenommen für eine gute Entwicklung von Mensch und Natur durch die erfahrene Arbeit. Diese Neugier und Freude an den Erlebnissen in der Natur sind ausschlaggebend dafür, auch später selbst wieder hinauszugehen und selbst wieder neu zu erfahren. Oder sich einzusetzen für den Schutz der Umwelt und eine nachhaltige Lebensweise. Dieses gute Gefühl zu entwickeln ist wichtiger, als möglichst viel auswendig zu lernen.
Und wieder andere haben es durch die Schwierigkeiten und schlechten Voraussetzungen in ihrem Leben sehr schwer, sich zu öffnen und zu lernen. Hier konnten wir Entspannung oder Abwechslung für ein paar Stunden bieten.
Und das alles zusammen ist gleichermaßen bedeutend für uns.“

Joachim Lange, Schulförster